Geld oder Liebe (Lisa)

Durchs Netz jagt derzeit eine Diskussion über die beiden Pussy Riot-Bandmitglieder, die bereits Mütter sind und die die nächsten beiden Jahre in Gefangenschaft verbringen werden. Sie und weitere Mitglieder der russischen Frauen-Punk-Band hatten eine Kirche in Moskau gestürmt und gegen Putin gewettert.

Die Haupt-Frage in der Diskussion ist: Wie privat darf Politisches sein bzw. wie politisch das Private? Die beiden Frauen werden bei der Stürmung der Kirche gewusst haben, welche Folgen die Aktion haben kann. Auch bei uns hätte das Folgen. Kein Straflager, das nicht, aber eine Strafe ganz bestimmt. Nadezdha Tolokonnikowa und Marija Aljochina, die nun also zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden, werden sich in dieser Zeit nicht um ihre Kinder kümmern können. Denn Mama ist eingesperrt.

Jeder kann sich vorstellen, wie sehr das alle Beteiligten schmerzt. Wenn ich mir vorstelle, alle paar Wochen mal ein gemaltes Bild von meinem Kind zu sehen, als einzigen Kontakt, dann schnürt sich mir mehr als die Kehle zu.

Ist es also richtig, dass diese Frauen trotz ihres Wissens um die Konsequenzen ihr Ding durchziehen? Es gibt wohl keine klare Antwort auf diese Frage. Die zwei Frauen möchten eine bessere Zukunft für ihre Kinder – in Russland, in ihrer Heimat. Dafür kämpfen sie und rein rational ist das ja etwas Bewundernswertes, für seine Ideale einzustehen – komme, was wolle. Andererseits müssen die Kinder in einer wichtigen Phase ihres Lebens auf ihre Mütter verzichten. Die Kinder sind vier und fünf Jahre alt. Für sie ist es ein großer Einschnitt. Die vierjährige Hera wird bei der Entlassung ihrer Mutter ein Drittel ihres ganzen Lebens auf sie verzichtet haben. Das ist eine Ewigkeit. Und es zeigt, wie verzweifelt diese Frauen sind. Denn, mal ganz im Ernst: Gibt es für uns Deutschen auch nur ein einziges politisches Thema, das uns so sehr verzweifeln lässt, dass wir dafür für Jahre auf unsere Kinder verzichten würden? Nein, das gibt es nicht. Für mich nicht und für viele andere nicht. Nicht mehr! Denn als Deutschland noch geteilt war, gab es das durchaus, dass Eltern und Kinder durch die Flucht aus der DDR teils über Jahre getrennt wurden. Erst gestern konnten wir das im ZDF am Bildschirm verfolgen, als zum Tag der Deutschen Einheit „Der Turm“ gezeigt wurde. Für uns ist das Vergangenheit. Für viele andere nicht.

Neben den Pussy Riots gibt es ja etliche andere, die für eine bessere Zukunft ihrer Kinder einstehen und für Jahre nicht unbedingt ins Gefangenenlager, aber zum Beispiel ins Ausland gehen. Greifen wir mal tief in die Klischeekiste und sprechen von Frauen aus Thailand oder den Philippinen, die sich von einem Europäer heiraten lassen und in die Fremde ziehen, um ihre Familie in der Heimat durchzukriegen. Oder sprechen wir von tschechischen und polnischen Frauen, die in den Westen aufbrechen, um als Haushaltshilfen oder Altenpflegerinnen zu arbeiten. Von Afrikanerinnen in Flüchtlingsbooten, die ihre Kinder nachholen möchten, irgendwann. All diese Frauen verzichten oft über Jahr auf ihre Kinder.

Aufstockung der Finanzen statt Liebe. Weil wir von Luft und Liebe eben leider nicht satt werden. Glücklicher vielleicht. Aber was ist schon Glück gegen das pure Überleben? Das fragen sich diese Frauen. Und viele entscheiden sich dann eher für´s Überleben.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Geld oder Liebe (Lisa)

  1. Rita schreibt:

    Hallo, ich finde das interessant, dass du das Thema anschneidest. Ich habe gestern erst ein Video gesehen von Kunstaktionen der Vorgängergruppe von Pussy Riot. Die gingen mit ihren Babys in den Supermarkt und eine von ihnen vollzog nicht jugendfreie Aktionen mit einem Hähnchen aus dem Kühlfach vor Publikum, unten ohne, vor der Kamera, vor den Kindern. Jetzt weiss ich nicht zu hundert Prozent, ob das wirklich die gleichen Leute sind oder ein Fake, aber wenn, dann ist ihnen wohl ihre politische Aktionskunst wichtiger als ihre eigenen Kinder. Bei aller Solidarität mit politischem Protest, das finde ich unverantwortlich.

  2. Ruth schreibt:

    Ich frag mal etwas provokativ: Darf Revolution dann also nur nur von Männern oder kinderlosen Frauen gemacht werden? Und wäre ein Vater, der zwei Jahre im Strafgefangenenlager sitzt, verschmerzbarer? Ritas Aussage, dass ihnen die politische Aktionskunst wichtiger ist als ihre eigenen Kinder finde ich schwierig (auch wenn ich die Auffassung teile, dass unten-ohne-Kühlfach-Hähnchen-Performances nichts für Kinderaugen sind). Aber ich denke, dass sie die politische Aktionskunst auch, wenn nicht vor allem, deshalb betreiben, um für ihre Kinder die Verhältnisse in dem Land zu verbessern, in dem diese Kinder groß werden. Ich persönlich habe für diesen Mut und diese Entschlossenheit höchsten Respekt.

  3. Vroni schreibt:

    Wie diese Revolution von Pussy Riot auszulegen ist, muss jeder für sich entscheiden. Das kann man nicht pauschalieren oder gar sagen so oder so ist es richtig! Entweder oder / schwarz oder weiß, davon sollten wir uns verabschieden, es gibt so viele Facetten dazwischen.
    Wichtig ist, das jeder, egal ob Frau oder Mann eine gewissen Verantwortung hat, gerade dann wenn Kinder im Spiel sind.
    Mutig waren die Damen, aber ob es überlegt war und vor allem sinnvoll in Bezug auf Ihre Kinder (nicht auf den eigentlich Hintergrund beziehen, bitte) wage ich zu bezweifeln.

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