Älterwerden (Lisa)

Als wir jung waren, beherrschten wir die Welt. Es gab nur uns und alles drehte sich um uns herum. Ich denke da heute dran, an das Jungsein, weil ich heute vor elf Jahren von Köln in Richtung Berlin aufbrach, um dort recht wichtige zehn Jahre meines Lebens zu verbringen. Es begann wild und prägte mich.

Vor einem halben Jahr kam ich zurück, drei Kinder, einen Ehemann, ein abgebrochenes Studium, eine fertige Ausbildung im Gepäck. Und merke nun, dass sich die Welt nun plötzlich ganz und gar nicht mehr um mich und meinen Hedonismus herum dreht. Ich bin nicht mehr der King auf´m Karrussel, ich werde reifer, dadurch aber nicht größer, sondern immer immer kleiner. Ich breite meinen Blick aus, weg von mir, hin zu anderen und bestimme ganz und gar nicht mehr über mich selbst.

Wir entwickeln uns weiter und werden doch immer fremdbestimmter. Ich wollte heut nicht ins Hallenbad, aber meine Kinder wollten das. Immer mehr Erkenntnis gewinne ich über das Leben und die Welt und ihre Kultur und werde dabei selbst immer unwichtiger.

Das ist ein merkwürdiger Vorgang, der sich da vollzieht und ich kann nunmehr erahnen, warum sich alte Menschen weise nennen. Weil sie selbst immer kleiner werden während sich die Welt ihrer ermächtigt. Sie sind nicht mehr der Pfeiler des Kettenkarrussels, der die Sitze um sie herumfliegen lässt. Sie selbst haben Platz genommen und fliegen immer weiter und höher hinaus, werden ein Teil des sich Drehenden und haben still den größten Spaß von allen. Bis man sie irgendwann gar nicht mehr sieht.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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5 Antworten zu Älterwerden (Lisa)

  1. Tanja schreibt:

    Oh, wie schön!!
    So zart, bedacht und ohne Groll wehmütig hab ich diese Lebensphase (die auch meine eigene ist) noch nie beschrieben erfahren.
    Dankeschön dafür!

    Tanja (mit nassen Augen)

    • sandra schreibt:

      Hab‘ mich gerade etwas blöde gefühlt mit nassen Augen, gut, dass ich nicht die einzige bin😉 Und dabei ist das noch gar nicht meine Lebensphase…..

  2. E schreibt:

    Ja, das hast du genau getroffen… ich hatte diese Gedanken letzte Woche zum ersten Mal. Ich habe mich gewundert, wie schnell es gegangen ist, dass sich die Prioritäten verschieben.

    Edna

  3. Alla schreibt:

    Wie schön du das beschrieben hast. Seit wir aus Berlin weggezogen sind, spüre ich dieses Phänomen immer deutlicher und jetzt kapier ich`s erst so richtig. Danke!

  4. Jaegerin schreibt:

    Lisken – wie konntest du nur so was tolles schreiben. Und bedenke, ich bin viel älter als du und bin deshalb noch viel gerührter … und weiter weg von mir selbst … hach… Du weises, junges Küken, du

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