Männer in Kitas! (Lisa)

Stockholm, Gamla Stan (Foto: Harmann)

„Boah, es kann doch echt nicht sein, dass unsere Söhne ausschließlich von Frauen großgezogen werden“, eröffnete ich heute morgen kampfeslustig den Frühstücks-Talk. „Lass uns eine Kita gründen, in der nur Männer arbeiten, was meinst Du, was das für einen Aufschrei in der Bevölkerung gäbe“, sagte ich zu meinem Mann, der ähnlich verdattert dreinblickte, wie sein zerknautschtes Frühstücksbrötchen.

„Naja“, sagte er, „es muss ja nicht immer gleich so ein Extrem sein. Ginge nicht auch eine männlich-weibliche Mischung?“ „Nein“, konterte ich, „denn ich fahre unsere Söhne ja jeden Tag in genau so ein Extrem. In eine Kita, in der NUR Frauen arbeiten. Das Extrem existiert also bereits.“

Ich schmiedete Pläne. Eine gewaltige PR-Kampagne würde ich fahren, für meine Männer-Kita. Die Republik würde diskutieren über die Männer-Kita, Umfragen würden in Boulevard-Zeitungen erscheinen, in denen Eltern befragt würden, ob sie ihr Kind in so eine Kita geben würden. Nein, würden die meisten antworten und das ist ja das Lustige. Das eine Extrem wird akzeptiert, das andere nicht. Frauen in die Erziehung. Männer nicht. Umso besser, wenn endlich mal eine Diskussion darüber ins Rollen kommt. Und wie, wenn nicht durch ein Extrem, könnten wir die anstoßen?

Jetzt fragt man sich: Was ist denn mit Lisa los, hat die alte Kampfhenne schlecht geschlafen, oder was? Aber der Hintergrund ist ein einfacher.

Ja, Ihr kennt sie ja, diese lustigen Streitereien unter unseren Jungs. Und manchmal fragen wir uns: War das mit der Tochter auch so? Liegt es am Zwillings-Dasein oder hat es vielleicht auch etwas mit dem Geschlecht zu tun, diese Kampfeslust, dieses Quatsch-Machen-Gen?

Nun, wir werden das wohl nie in Gänze klären können, gefreut hat mich aber gestern Abend ein nettes Gespräch zwischen der Autorin Ildikó von Kürthy und dem Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge, das Kürthy in ihrem Buch „Unter dem Herzen“ erwähnt. Sie fragt sich darin, ob sie einfach Pech gehabt habe, einen Jungen bekommen zu haben, der sich nicht lieb lächelnd das Spängchen nachspannen lässt, sondern lieber die Nachbarskinder verprügelt. Rogge antwortet darauf:

Achten Sie auf Ihren Sohn und nicht auf solche blöden Harmonie-Tussen. Es stimmt: Wenn man einen Jungen hat, ist man schnell stadtbekannt. Jungen spielen nicht schön und anmutig. Man fährt mit ihnen besser in ein Camp als in ein feines Hotel. […] Mädchen entwickeln sich stetig aufwärts. Jungs entwickeln sich langsamer, in Schüben, und auch mal zurück. Aber: Jungen sind gut so, wie sie sind. […] Erst ganz allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich nicht die Jungen ändern müssen, sondern zum Beispiel das Schulsystem den Jungen entgegen kommen müsste…

Ehrlich, das mag ja alles viel zu pauschal formuliert sein, denn jedes Kind ist anders und so. Aber es ist Balsam für meine Seele, so etwas zu lesen. Es zeigt mir, dass es eine Rest-Chance gibt, dass nicht ich als Mutter komplett versagt habe, sondern dass es einfach am Machotum meiner Söhne liegt.

Aber um das aufzufangen und in eine richtige Richtung zu lenken, brauchen sie Männer. Männervorbilder. Eine Männer-Kita. Statt Bärchen-Gruppen gäbe es dann die Pulp-Fiction-Gang, statt Bastelnachmittag einen Event-Parcours im Hochseilgarten. Und wenn das dann alles zu wild wird, dann können wir ja gern darüber nachdenken, mal eine Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr in der Personalwahl zu berücksichtigen. Oder als Praktikantin.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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22 Antworten zu Männer in Kitas! (Lisa)

  1. P.A. schreibt:

    Männer in Kitas sind wichtig für die Entwicklung von Jungen UND Mädchen! Es gibt aber noch viel mehr Gründe für mehr Männer in Kitas (u.a. auch gleichstellungspolitische Aspekte). Ich stehe gerne mal für ein Expertengespräch zum Thema „Männer in Kitas“ zur Verfügung. Arbeite jetzt schon seit 1,5 Jahren zu dem Thema.
    P.S. Nusenblaten: Weiter so! Ich lese euch echt gerne!

  2. Katharina schreibt:

    Echt, so schlimm? Oder liegt es an der Stadt? Unsere Kita hat zum Glück einen riesigen Garten mit „Grobmotorikbahn“ (im Militärdienst nannte man das noch Kampfbahn) und dort werden die Kurzen bei jedem Wetter raus- und darübergejagt. Kneifen zählt nicht.
    P.S. Basteln fand ich schon mit vier doof und mit vierzig erst recht. Dazu braucht man kein Bub zu sein!

    • nusenblaten schreibt:

      Ja, auch unsere Kita hat einen Garten und auch da gehen sie bei jedem Wetter raus. Und trotzdem sind die Regeln andere, wenn auch Männer als Erzieher dabei sind. Das wissen wir aus eigener Erfahrung aus Berlin. Es geht ja auch generell darum, dass viele kleine Jungs kaum Kontakt zu Männern haben, weil die eben leider immer noch häufig ganztags nicht präsent sind.

  3. iLilly schreibt:

    Ist es nicht in vielen Grundschulen ähnlich? Ich wünsche mir für meinen Jungen auch die Freiheit ein Junge sein zu dürfen und habe in meinem Umfeld viele männliche Erzieher. Aber eine reine Männerwirtschaft in einer Kita traue ich ihnen nicht zu…zumindest eine Frau die ab und zu nach dem Rechten sieht😉

  4. Claudia schreibt:

    Es gibt die Männerkita schon. Haben einige Väter, die sich in den Kindergruppen permanent unterepräsentiert fanden selbst gegründet. Hab ich einen Artikel drüber gelesen…vor einiger Zeit…leider beim googlen grad nicht gefunden. Hab aber auch keine Zeit, muss grad meine Jungs aus der gemischgeschlechtlichen Kita abholen. Finde es großartig das es bei uns immer mehr Erzieher werden. Würde aber auch behaupten wollen es liegt an eurer Kita und nicht direkt am Männermangel, bei uns wurde nämlich schon vor der Einstellung der Erzieher ordentlich draußen mit den Jungs rumgeheizt und basteln MUSS niemand, aber wer will der darf🙂

  5. inneres Stimmchen schreibt:

    Kinderläden wiederbeleben, Jungs einstellen fertig ist die Laube😉
    Selber machen, nicht nur wünschen

    (aber Wunsch sehr verstehe: auch Grundschulen und Hortbetreuung bieten zu wenig Platz für männliche Rollenbeispiele…)

    • nusenblaten schreibt:

      Jau, so eine Gründung haben wir hinter uns, das haben wir in Berlin genauso gemacht und auch Männer eingestellt. Jetzt in der neuen Heimat ist`s halt anders. Und gerade hier mit so viel Garten, werden die Kerle auch einfach immer männlicher und kämpferischer und waghalsiger und so weiter… Da kann ich als Mutter gar nicht mithalten. An diesem Wochenende: Männerwochenende. Ich freu mich schon auf FREIZEIT🙂

  6. Jaegerin schreibt:

    Unser Kinderarzt sagte bei der letzten U-Untersuchung, dass mein Jüngster gerade so eben ausreichnend zeichnen könne. Und er sagte, dass das völlig okay sei. Trotzdem würde ich ihm einen Gefallen tun (also dem Sohn), wenn ich mit ihm ein bisschen üben würde, da er sonst Probleme mit all den weiblichen Erziehern und Lehrern bekäme, von denen er in all seinen nächsten Jahren begleitet wird. Selbst Kinderärzte, sagte der Kinderarzt, sind meistens Kinderärztinnen. Die Männer werden den Kindern so regelrecht entzogen. Also: Du hast vollkommen Recht, du kluge Mädchen-Jungs-Mama!

    • nusenblaten schreibt:

      Ha! Das sagte unser Kinderarzt neulich auch: Für einen Jungen malt er ganz durchschnittlich für sein Alter. Die sind halt im Alter von vier Jahren bei so etwas hinterher, weil sie eher großflächig (grobmotorisch?!) spielen, also große Kreise mit Matchbox-Autos ziehen, statt kleine Perlen auf Ketten zu ziehen… Gibt´s doch nicht!

  7. Saili schreibt:

    Wär ich grundsätzlich auch für. Aber wo sind sie denn bitte? die Männer, die ihr euch für eure Kitas und Grundschulen wünscht? Weder während meines Grundschulstudiums sind mir leider wenig Männer begegnet und während des Refs wurden es sogar noch weniger.
    Wir als Muttis und Vatis müssen scheinbar unsere Jungs so erziehen, daß sie Bock haben auf „erzieherische“ Berufe. Die Katze beißt sich da in den Schwanz… Ein endlos zu diskutierendes Thema… Die meisten Grundschullehrerinnen, die ich kenne, wären überings auch für mehr männliche Kollegen…aber sie bewerben sich leider nicht

    • Ph.V.-S. schreibt:

      Es gibt die Männer! Und WIR😉 werden immer mehr!

    • nusenblaten schreibt:

      Genauso sieht es aus. Leider verdient man in Sozialberufen eben immer noch so wenig, dass man sich davon keine eigene Familie leisten kann. Und leider ist das ein entscheidendes Argument, weil immer noch in unseren Köpfen drin steckt, dass der Mann der Hauptverdiener sein sollte. Auch das müssen wir zu ändern versuchen…

  8. Katharina schreibt:

    Es ist ja nicht so, dass die Männer mit Gewalt von unseren Kleinkindern ferngehalten würden. Fakt ist jedoch, dass gerade WEIL Kleinkindererzieher/in ein so genannter Frauenberuf ist, die Löhne dort kaum existenzsichernd sind.

  9. Ph.V.-S. schreibt:

    Aber eigentlich liegt es doch daran, dass die wenigen männlichen Erzieher, die es bereits gibt bzw. die derzeit ausgebildet werden, in den „harten“ Einrichtungen dringender gebraucht werden. Einrichtungen, wo es noch nahezu 40-Std-Verträge gibt, mit deutlich höherem Gehalt. Dort wird den Männern ein besseres Angebot gemacht, als von einem normalen Kindergarten. Dort ist noch Geld vorhanden.

    In meiner fast 5 jährigen Berufserfahrung habe ich zum Beispiel nur mit Jungen zwischen 9-20 Jahren gearbeitet. Nie im Kindergarten. Ich kann es mir als Familienvater einfach nicht leisten.

    Man müsste eine Petition vorbereiten, die eine Männerquote in Kitas und Grundschulen fordert. Wieso immer nur Emanzipation der Frauen in der Wirtschaft? Wieso nicht die Männer in der Sozialwirtschaft fördern? Wenn es meine Zeit im November hergibt, werde ich mich an die Formulierung besagter Petition ransetzen. Dann muss man nur noch 50.000 Mitzeichner finden, damit das Ganze überhaupt im Bundestag besprochen wird.

  10. Mama Schlaflos schreibt:

    Ich sehe das so wie du: Kinder (Jungen & Mädchen) benötigen mehr Männer.
    Meine Gedanken dazu: http://www.babys-und-schlaf.de/2012/05/mehr-maennliche-erzieher-in-kitas/

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