Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing (Markus)

Neulich kam mir auf einem Gehweg in Prenzlauer Berg eine Mutter entgegen. Sie rauchte, trug zwei prall gefüllte Lidl-Tüten und kümmerte sich augenscheinlich wenig um ihre vielleicht dreijährige Tochter, die hinter ihr her trottete und gelangweilt an den Haaren ihrer Barbie zupfte.

Wie bitte, in Prenzlauer Berg? Eine Mutter, die raucht, die beim Discounter einkauft und ihr Kind mit einer Barbie spielen lässt? Glaubt man Buchautorin Anja Maier, gibt es so etwas in Prenzlauer Berg nicht. Für sie ist die Mami vom Prenzlauer Berg in „Ostberlin“, wie sie schreibt, Milchschaum süchtig, rennt sonntags in die Kirche (wies sie es aus Westdeutschland kennt), kauft ausschließlich im Biomarkt und schiebt mit ihrem Fahrradgespann auf Gehwegen gnadenlos alles an die Seite, was nicht nach Mami, schwanger oder Kind aussieht. Sie steht auf sauteure, schwarze, zum Cocktailkleid passende Kinderwagen und lässt sich von ihrem Kind (das meistens Selma oder Edgar, aber nie Dustin oder Chantal heißt) das Leben diktieren. So ähnlich steht es in ihrem Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“.

Anja Maier ist Journalistin der taz. Jener Zeitung also, deren RedakteurInnen alle doof finden, die die Frauenquote doof finden, und die in ihren Kommentaren regelmäßg beklagen, dass der Etat für den Ausbau von Radwegen eingekürzt wird. Kommt taz-Journalistin Anja Maier auf einem Radweg in Prenzlauer Berg aber eine Mutter auf einem Fahrrad mit sperrigem Anhänger entgegen, die hastig ihre schreienden Zwillinge in die Kita bringt, um pünktlich ihre Unternehmensführungsposition in einer IT-Firma zu erreichen – dann gute Nacht. Was fällt dieser selbstgerechten Edel-Bionade-Mami auf dem Fahrrad nur ein?

Nun ist es inzwischen so: Jeder Journalist, der was auf sich hält, arbeitet sich einmal im Leben an Prenzlauer Berg ab. Die meisten wohnen natürlich selbst in Prenzlauer Berg. Wegen der vielen Kindercafés, der tollen Biomärkte und der wenigen Intensivtäter, die an den U-Bahnausgängen dealen. Wie Maier hat etwa auch der Journalist Ralph Martin ein Buch über Prenzlauer Berg geschrieben („Papanoia“) – das übliche Bashing, nur leider auch noch langweilig und platt.

Maiers Buch ist an vielen Stellen immerhin amüsant, auch wenn sie Klischee an Klischee reiht und man ihr manche angebliche Begegnung nicht abnimmt. So viele Klischees und Unwahrheiten (aber natürlich auch Wahrheiten) über Prenzlauer Berg wabern inzwischen dank der vielen „Medienfuzzis“ (Maier), die in Prenzlauer Berg wohnen, durch die Republik, dass im Grunde jeder ein Buch schreiben könnte. Kalt versteht sich – also aus Dortmund, Bad Doberan oder Traben-Trarbach.

Anja Maier ist, obwohl in der Stadt aufgewachsen, vor vier Jahren aus Prenzlauer Berg an den Stadtrand ins Grüne geflüchtet. Für ihre Feldstudie, aus der offensichtlich das Buch hervorging, hat sie sich für drei Monate in Prenzlauer Berg einquartiert. Nicht genug, um den Bezirk wirklich zu durchdringen. Nur einen Aldi gebe es in Prenzlauer Berg, und den auch noch versteckt am Rand zum Wedding, schreibt Maier. Gibt ja angeblich keinen Bedarf für Discounter, wegen der vielen Bioladen-Fetisch-Nichtraucher-Mamis. Sie verschweigt, dass es fünf Penny-Märkte und vier Lidl gibt. Und ein weiterer Lidl bald gebaut wird – tatsächlich mitten im Kiez. Irgendwo muss die rauchende Prenzlauer-Berg-Mami, die mir mit ihrer Tochter auf dem Gehweg entgegenkam, ihre Tüten ja voll gepackt haben.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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18 Antworten zu Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing (Markus)

  1. zwillingspapi schreibt:

    Ich habe das Buch auch gelesen, als Vater 😉 und wohlmöglich nicht richtig verstanden. Auch ich musste zwischenzeitlich ein wenig schmunzeln, aber mir waren es zu viel Klischees auf den Seiten – s. http://www.papilounge.de/pl/2011/10/24/was-ist-mit-den-heutigen-eltern-los-das-neue-buch-von-anja-maier/

    Grüße

    Sven

  2. Gast schreibt:

    Hallo,

    ich bitte Sie, was habe Sie denn anderes von einer „Anja“ erwartet …?

    • trixibzehn schreibt:

      ich muss zugeben dass ich dieses buch liebe! ich bin selbst in der guten mittelschicht berlins aufgewachsen, im osten geboren, im zentrum aufgewachsen. dies klischees sind nicht mal überspitzt, sie sind wahr. und allein das macht prenzlauer berg so lustig. discountermama hin oder her, dieses buch heisst nicht „von edel-eltern und ihren bestimmerkindern und den anderen 10% nicht zugezogener die dort hartzen“, es soll unterhalten und spass machen, keine unicefwerten problematiken aufdecken. und es hat mir gezeigt, dass Mama sich auf dem Spielplatz tatsächlich ganz legal langweilen darf 😀

  3. Pingback: beleidigungssatire in der taz « fuckermothers

  4. Prince Paul schreibt:

    klischees beinhalten aber immer ein stück wahrheit. im pberg wurden die gartenzwerge schlicht durch andere codes und anderen habitus ersetzt. nach genauerem hinschauen erschließt sich das als genauso gartenzwergig, wie das original in den hübschen vorstädten westdeutsch-mittelständischer prägung. spießig bleibt spießig, auch wenn es zeitgenössisch verpackt ist. unspießigkeit erfordert toleranz und aufgeschlossenheit gegenüber anderen lebenskonzepten. das sehe ich im uniformen pberg nicht. aber solange die pberger in pberg bleiben, gibt ’s wohl nichts zu meckern!

  5. DeineMudda schreibt:

    Ein super Buch! Anja Maier schreibt mir aus dem Herzen! Ich werde es allen meinen Freunden und Verwandten zu Weihnachten schenken und sie alle nach Berlin einladen, sich das Elend vor Ort im Prenzlauer Berg anzugucken. Macht weiter so Ihr Glucken – wir wollen lachen und uns amüsieren! 🙂

  6. berliner schreibt:

    Mir gefällt die in meinen Augen überspitzt ironische Schreibstil, sowohl vom Verfasser dieses Textes wie auch der Frau Maier. Jeder ist angehalten seine Sichtweise, und das passiert meist etwas nachdrücklicher, mitzuteilen. Am Ende liegt die Wahrheit doch wie immer irgendwo dazwischen!

  7. Pingback: Jenseits der Mütter vom Kollwitzplatz « Bandschublade

  8. ickedette schreibt:

    Klischees hin Klischees her- eines wird hier im Blog sehr deutlich:
    Viele die hier schreiben kennen offensichtlich nur eine Seite vom Prenzlauer Berg und sind selbst Teil davon. Der Prenzlauer Berg ist viel mehr als das , was manche kennen oder auch nur kennen wollen. Tatsächlich gibt Ecken und Winkel die sind weit enfernt von Speissigkeit und oberflächlichem Gehabe. Beispielsweise gehört die Gegend vom S-Bahnhof Greifswalder Strasse bis zum Ostseeplatz oder die Hanns-Eisler Strasse ebenfalls zum hochwohlgeborenem Prenzlauer Berg. ?Keine Ahnung wo das ist? Dort gibt es sehr viel sozial schwächere Struktur , von der die meisten in Ihrer Blase um den Helmholz- Kollwitz oder Arnswalder Platz gar nichts mitbekommen. Nicht mal wissen das es sie gibt. Ich bin dort geboren und gross geworden, wohne seit meine Schulzeit (fast über 20 Jahre) im Bötzowviertel und Anja Maier und alle Spiesser um meine Familie herrum sind einfach nicht relevant.

  9. Roithamer schreibt:

    Wo soll denn der eine Aldi im Prenzlauer Berg sein?
    (a) Ostseestrasse 25, 10409 Berlin
    (b) Greifswalder Str. 168, 10409 Berlin-Prenzlauer Berg
    (c) Schwedter Str. 83, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg
    http://www.yellowmap.de/Filialfinder/Html/Poi.aspx?SessionGuid=e88e72af-db5c-4a0f-a380-ad129a7caae6

    • ickedette schreibt:

      direkt am S-Bahnhof Greifswalder Strasse- gegenüber dem Puppenteather „Schaubude“, neben Elektrohaus „Achterberg“. Ich glaube mit Auto ist die Ein- und Ausfahrt nur über die Grellstrasse möglich .

    • berliner schreibt:

      Ich sage c!
      War ganz überrascht als ich das erste mal klettern war an der Schwedter Nordwand und mir der Aldi aufgefallen ist der da in der letzten Ecke vom Prenzl‘ Berg steht. Aber ob Aldi und Co.. ich bin froh über „meinen“ Discounter um die Ecke!

  10. C.M. schreibt:

    Habe einfach mal in den Blog reingeschaut, da er in einem Spiegel Artikel verlingt war. Wirklich schön gemacht und gut geschrieben!

    Ich finde es auch Schade, dass viele Leute Kindern eher grießgrämig begegnen. Aber hier in Hamburg leben glaube ich im Allgemeinen nicht die freundlichsten Leute Deutschlands, wenn auch angeblich die Glücklichsten.

  11. Anja Maier übt sich in blöden, allseits breitgetretenen Pfaden des P-Berg-Bashings. Mag teils witzig erzählt sein, aber das fällt ja auch leicht, da die Kerbe in die hier geschlagen wird schon ausreichend bedient wurde. Wessi Mütter blöd und arrogant, Ossi Mütter gut und schon immer alles früher und besser gemacht. Sagenhaft einfältige und eindimensionale Erkenntnis.
    Prädikat: Mülltonne.

  12. Zora schreibt:

    Also das mit dem Aldi ist ja wohl der Hammer. Hier gibt’s n Haufen Discounter. Mehr als Bioläden. Und das ist auch gut so!

  13. Pingback: Prenzlauer Berg und der Poller (Lisa) | Nusenblaten

  14. Anja Maier schreibt:

    Schwaben hin, Schwaben her… bin selber einer, aber soo viele blöde Schwaben wie es im PBerg gibt, gibt es im Schwabenland nicht auf einem Haufen. Entweder man hat sie dort alle des landes verwiesen oder sie verteilen sich auf ganz BaWü. Keine Ahnung. Ich würde mir etwas mehr Anpassungsvermögen mit der hießigen „Urbevölkerung“ wünschen, was eben die berliner Schnoddrigkeit mit einbezieht.
    Ich war so blöd und habe im Helmholzkiez ein Café aufgemacht und habe alle diese Menschen die in Anja Maiers Buch beschrieben sind tag täglich in meinem Laden und finde es zum brechen! Verdienen kann man mit Latte Macchiato Müttern garnichts – auch wenn das fälschlicher weise von den Müttern behauptet wird. Denn: für den Latte Macchiatopreis sitzen sie den ganzen Nachmittag (bis zu 6h) auf dem Sofa, säugen ihre Brut (was nicht jeder beim kaffeetrinken und kuchenessen sehen möchte), schmeißen ihre Stilleinlagen in die Cappuccinotasse oder das Latte Glas, wickeln ihre Kinder auf dem Tisch, auf dem andere Menschen gerne noch essen möchten. Wenn man Glück hat, werden die Windeln im Mülleimer auf der Toilette entsorgt und nicht unterm Sofa u.s.w. u.s.f.
    In diesen 6h werden dann bis zu 3 Tischen blockiert. Für Jacke, Spielsachen fürs Kind, und Kinderwagen. Mein Café hat aber nur 8 Tische…
    Also, bei aller Liebe… das sind ganz schön hart verdiente 2.70 EUR für 6h mit anschließendem Dreck weg machen. Und dann noch blöd kommen lassen, weil man nicht freundlich genug war und vielleicht nicht gleich den Puder schon im Eingang in den Hintern geblasen hat – wie es in BaWü auch nicht üblich ist. Aber vielleicht ist da der ausgewanderte Blick inzwischen etwas verklärt, was die alte Heimat angeht.

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